E – Chemie – Keule trifft Kinderpsyche

Gab es früher eigentlich auch schon so viele Zappelphillips?

Angeblich leiden bis zu zehn Prozent aller Kinder an ADHS, in Deutschland werden mittlerweise rund 60.000 kleine Patienten mit Methylphenidat – besser bekannt als Ritalin oder Koks für Kinder – behandelt, Tendenz steigend. Jedes aufmüpfige Kleine, das nicht mit gefalteten Händen auf seinem Platz sitzen bleibt, wird offenbar zum Kinderpsychiater geschleppt. Was indes auch den Herstellern der Kinderpsychopillen fehlte, war eine wirklich plausible Erklärung für die Zunahme der Erkrankungen in den letzten Jahren. 2004 allerdings keimte schon einmal ein bestimmter Verdacht.

Britischen Forschern zufolge waren die vielen Farb- und Konservierungsstoffe in unseren Lebensmitteln dafür verantwortlich, dass unsere Kleinsten einfach nicht mehr stillsitzen und sich konzentrieren können, nach dem plausiblen Motto: E-Nummern-Keule trifft Psyche.

Falls diese Ergebnisse reproduzierbar seien, meinten die Wissenschaftler damals, müsse ein Verbot für diese Chemikalien her. Und nun wird es spannend, denn genau diese Bestätigung der Ergebnisse erscheint heute in Lancet. Zeitgleich veröffentlicht die Food Standards Agency (FSA), die an der Studie beteiligt war, eine Pressemitteilung – sie weist auf die möglichen Wirkungen der Zusatzstoffe hin, und – jetzt kommt`s – fordert Eltern dazu auf, die Lebensmittel für ihre Kinder auf entsprechende E-Chemikalien zu überprüfen, und gegebenenfalls vom Speiseplan zu streichen. Von einem Verbot ist leider keine Rede, auch wenn die FSA eingehende Überprüfung im europäischen Raum verspricht.

Also, liebe Eltern, da müsst ihr wohl selber ran – wenn das Kind nicht still hält, holt eure Lesebrillen raus, und inspiziert die Vorräte! Verdächtig sind die Nummern E 102, E 104, E 110, E 122, E 124, E 129 und E 211, weitere Kandidaten nicht ausgeschlossen – aber leider noch unbekannt. Und wem das alles zu kompliziert ist, weil es zu unübersichtlich und zeitaufwändig ist, der kann sich im Zweifelsfall mit dem bekannten Betäubungsmittel behelfen.

(Quelle: Donnerstag, 06.09.2007, Kathrin Zinkant, Biochemikerin und Online-Redakteurin der Zeit, Diagnose: Mensch, Das Gesundheitsblog der Zeit)

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